Weserburg

Es ist schon dämmrig, unten am Fluss weht ein leichter Wind. Ich spaziere ein Stück an der Weser entlang Richtung Weserburg, den Kragen hochgeschlagen, die Hände tief in den Jackentaschen, die Schultern hochgezogen.

Und während ich so über die Uferpromenade schlendere, schaue ich aufs Wasser und bemerke einen roten warmen Lichtfleck. Durch die Kräuselung auf der Oberfläche scheint er in ständiger Bewegung zu sein, wie ein unruhiges Flimmern vor meinen Augen. Angenommen, so hat es angefangen: Mit einem Bild im Wasser, einer Reflexion.

Und deshalb, plötzlich herausgeworfen aus diesem dicken geheimnisvollen Strom, in dem ich mich ziellos fortbewegt habe, folge ich einem roten Spiegelbild, einem Zeichen, einer geheimnisvollen Spur, die mich zu Bremens Weserburg, Museum für Moderne Kunst führt.

Und da stehe ich nun, vorm Giebel der Weserburgfassade, die imposante weiße Mauerskulptur Three Triangels von Sol LeWitt in meinem Rücken, links und rechts neben mir die beiden massigen Granitblöcke Ulrich Rückriems, und schaue gebannt auf die über drei Meter hohe Lichtinstallation der feministischen Künstlerin Monica Bonvicini, welche die monumentalen Skulpturen mit heiterer Leichtigkeit und Leuchtkraft überstrahlt.

Power Joy Humor Resistance.

Vier Wörter, weich und hastig notiert, als wären sie schnell mit dem Finger aufs Handy geschrieben, bevor die Sekunde verfliegt, der Widerstand erlahmt, die Freude vorbei ist und wie ein Stück Glas auf den Grund des Flusses sinkt.

Leuchtwörter. Eigentlich Lichtbilder in Rot.
Rot für Lust, Freude.
Für Leben.
Für Kampf. Scham. Wut.

Als glühten die Wörter bei längerem Hinschauen, blendend und durchdringend zugleich. Da hinein schwärmen, den Gedankenfetzen, -splittern, -bruchstücken folgen, den Räumen, die sich hinter und zwischen den Wörtern auftun.

Power Joy Humor Resistance.

Die Energie spüren. Die Kraftquelle in Rot, in der Stärke und Widerstand sich mit Freude und Humor verbinden.

Eine Aufforderung an mich. Eine Botschaft. Anstiftung zu handeln womöglich.

Eigentlich Zauber. Erleuchtung.

Denn auf rätselhafte Weise ist alles in meinem Auge zusammengespannt und verschränkt: Monica Bonvicinis Neonschrift am Giebel, die rote Lichtquelle, die Architektur der Weserburg und seine rot schimmernde Umgebung mit den markanten Kunstwerken.

Und wenn ich gleich in die Altstadt zurückgehe und von der Bürgermeister-Smidt-Brücke ins Wasser schaue, werde ich die tanzenden Lichtreflexe auf der Flussoberfläche vermutlich anders betrachten und vielleicht sogar ein besonderes Leuchten in meinen Augen wahrnehmen, wie der Widerschein versunkener Bilder.

Als musste ich erst höher hinaufschauen bis zum Giebel der Weserburgfassade und tiefer in den Fluss blicken als sonst, um zu entdecken, wo diese roten Landschaften hinter meinen Augenlidern liegen.

(Die Arbeit der in Berlin lebenden italienischen Künstlerin Monica Bonvicini POWER JOY HUMOR RESISTANCE leuchtet seit 2021 von der Fassade der Weserburg und wurde von der amerikanischen Feministin Soraya Chemaly und ihrem Buch: The Power of Woman’s Anger inspiriert. Deutsche Übersetzung: Speak out. Die Kraft weiblicher Wut.)