Mahnmal zur Erinnerung an den NS-Raub anJüdinnen und Juden

Mahnmal zur Erinnerung an den NS-Raub anJüdinnen und Juden

Am 10. November 1938, in der Pogromnacht, hörte die Familie Zwienicki den Lärm der sogenannten „Rollkommandos“ vor dem Haus in der Bremer Neustadt. Es war 04 Uhr 10, als drei SA-Männer bei den Zwienickis an der Ecke Große Sortilienstraße/Hohentorstraße klingelten. Benno, der Sohn, gerade 20 Jahre alt geworden, öffnete die Tür. Zwei Männer liefen in die oberen Zimmer, Benno musste mit dem anderen SA-Mann an der Tür warten. Dann vernahm er von oben Schreie seiner Mutter, danach ein Geräusch, als sei jemand zu Boden gefallen. Kurze Zeit später hielt Benno seine Mutter im Arm, einer der Männer hatte ihr ins Herz geschossen, vermutlich aus Wut, dass sie das Versteck ihres Ehemanns nicht preisgeben wollte.

Der Regierende Bürgermeister von Bremen hatte Stunden zuvor den Befehl gegeben, Synagogen in Brand zu stecken, jüdische Geschäfte zerstören zu lassen und Wertsachen zu beschlagnahmen. Und so stand auch der aus der Ukraine stammende Fahrradhändler Joseph Zwienicki auf der Liste der Rollkommandos, doch er konnte über die Dächer fliehen.

Neben seiner Frau Selma wurden in dieser Nacht im Raum Bremen bzw. im heutigen Kreis Osterholz noch vier weitere jüdische Bürger erschossen. Joseph Goebbels war im „Großen und Ganzen“ zufrieden mit der „Judenaktion“, wie er in seinem Tagebuch vermerkte. „Nur in Bremen ist es zu einigen unliebsamen Exzessen gekommen. Aber die tauchen gänzlich unter in der Großaktion“, befand der Propagandaminister.

Sohn Benno wurde noch in der Pogromnacht von der Kriminalpolizei verhört und danach ins KZ Sachsenhausen gebracht. Dort fand ich bei der Recherche auf einer riesigen Gedenktafel seinen Namen, nicht unweit eines anderen Namens, Adolf Maass. Einem jüdischen Kaufmann, dem bis 1933 große Anteile des Logistikunternehmens Kühne + Nagel gehörten und der seine Lehre im Stammhaus in Bremen begonnen hatte – in genau jenem Unternehmen, das vom Transport des beschlagnahmten Judenvermögens, dem Hausrat der Deportierten oder Ausgewanderten, profitierte. Bei der sogenannten „MAktion („M“ für Möbel), dem Transport des Hausrats aus über 70.000 jüdischen Wohnungen aus den besetzten Westgebieten, hat die Firma geholfen, das Raubgut mit Güterzügen und Frachtschiffen im Reich zu verteilen.

Nach allem, was ich über die Zwienickis aus Bremen in Erfahrung bringen konnte, hatten sie bis zur Pogromnacht ein glückliches Leben in Bremen. Mit ihrem Reparaturgeschäft für Fahrräder, Motorräder, Grammophone und Nähmaschinen kamen sie mit ihren Kindern über die Runden, doch nach jener Nacht und der Ermordung Selmas war dieses Leben in Bremen zerstört. Das Geschäft wurde abgemeldet und das Haus zwangsweise unter Wert verkauft. Gleiches geschah mit dem Haus von Adolf Maass in Hamburg in der Blumenstraße, zudem wurde er von den Kühne-Brüdern aus der Firma gedrängt, die er doch selbst mit aufgebaut hatte.

Joseph Zwienicki, der Vater von Benno, erhielt gerade mal 1200 Reichsmark für sein Haus und dessen Inventar – das reichte für die Schiffskarten nach Montreal, für ihn und zwei seiner Söhne.

Es spricht für die nationalsozialistische Hetze gegen Juden und vor allem für die Beschleunigung des Vernichtungswillens, dass Adolf Maass und Benno Zwienicki in der Pogromnacht verhaftet und am selben Tag ins KZ Sachsenhausen gebracht wurden.

Dieses Mahnmal verbindet nun also auch diese beiden Schicksale. Der eine Opfer der Nazis und seiner unwürdigen Nachfolger bei Kühne + Nagel, deren Stammhaus in Bremen immer noch für die unaufgearbeitete „Arisierung“, den Raub und Verkauf jüdischen Besitzes steht; der andere traumatisiert von der Ermordung seiner Mutter sowie seines Erbes in Bremen beraubt.

Der Bremer Benno Zwienicki konnte nach der Freilassung aus dem KZ Sachsenhausen seiner Familie nach Montreal folgen. Adolf Maass und seine Frau wurden 1945 in Auschwitz ermordet, Angehörige der Familie Maass konnten später ebenfalls nach Montreal flüchten. Dass ausgerechnet die Firma Kühne + Nagel 1953 nach Montreal expandierte, war für die Familie Maass bestimmt mehr als eine befremdliche Fußnote.