Karstadt Warenhaus

Karstadt

Immer schon habe ich in Kaufhäusern eine eigenartige Form von Trost empfunden. Egal wie feindlich die Außenwelt, wie kalt und stürmisch das Wetter, im Kaufhaus herrschte eine beruhigende Konstanz, bestehend aus Wärme, Licht und parfümierter Luft. Ich kann nicht an Kaufhäuser denken, ohne direkt diesen Föhn im Gesicht zu spüren, beim Eintreten ins Geschäft. Die sogenannte Heißluftschwelle. Ich denke an die Heimeligkeit und Geschäftigkeit, an die Rolltreppen, die so verliefen, dass man auf der Suche nach einer Sache immer erst durch das halbe Kaufhaus rannte und sich auf dem Weg unweigerlich in einer anderen Abteilung verlor.

Während Karstadt in anderen Städten manchmal an B-Standorten sein Dasein fristete, hatte der Karstadt in Bremen immer einen glamourösen Standort. Das erste Haus in der Obernstraße. Hier begann der Nachmittag, und nicht selten endete er hier. Wir streunten Ende der 90er Jahre, drei Freundinnen, durch den Karstadt. Stunden über Stunden haben wir hier zugebracht. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, Karstadt war unser Internet. Hier gab es alles, und alles, was es nicht gab, befand sich außerhalb unserer Reichweite. In der Kosmetikabteilung probierten wir alle Lidschattenfarben aus. Wir schnupperten an den Parfüms und wenn uns der Duft gefiel, sprühten wir ihn auf die kleinen Teststreifen aus Papier. Manchmal gaben wir sogar einen kleinen Sprüher auf unser Handgelenk, dann haftete der Geruch von Karstadt den ganzen Tag an uns. Wir ignorierten die Blicke der Verkäuferinnen, die uns aber die meiste Zeit ohnehin in Ruhe ließen. Wir gingen selten zur Kasse.

Highlight war die CD-Abteilung im Untergeschoss, wo alle Alben und Maxisingles der Charts versammelt waren, von denen man in einige sogar reinhören durfte. Die Musikabteilung war unser Tor zur Welt.

Karstadt heute, ein Symptom der Agonie der Innenstädte. Ein Ort für Nostalgiker. Ich passiere die urvertraute Heißluftschwelle, in der ich meine erste Maxisingle stolz bestaunte, und stelle fest, wie umständlich und unzeitgemäß es ist, einen Kinderwagen durch zwei schwere, von Hand zu öffnende Glastüren zu bugsieren. Während ich die peripher platzierten Aufzüge suche, denn die Rolltreppen sind mit Kinderwagen natürlich auch unpraktisch, denke ich, dass Karstadt als Kaufhaus für die Massen immer schon erstaunlich reich an Barrieren war, aber vielleicht war die Masse auch immer nur eine privilegierte Mittelschicht.

Ich durchquere Strumpfbeine, Schreibwaren, Tischkalender, gelegte Kleidung, Kleidung auf Bügeln, Küchengeräte, ein Set Kristallgläser zu einem unschlagbaren Preis, Prozente, Sales, Schulranzen, ein gutes Staubsauger-Angebot, ein gigantisches Star Wars-Raumschiff aus Lego, und ich frage mich, warum ich eigentlich so selten hier bin, hier, wo es immer noch alles gibt, alles, was ich brauche oder in naher Zukunft brauchen könnte. Also alles, was ich eigentlich schon lange brauche, nur ohne es zu wissen, und ehe ich mich zerfasere, fahre ich – zur Entspannung – ins Untergeschoss, in die Markthalle.

Als ich aus dem Aufzug trete, begrüßt mich – Leerstand. Erste Ankündigung des Niedergangs? Preisleisten lösen sich im Vorbeigehen, fallen auf den Boden.

Habe ich vielleicht auch zum Untergang von Karstadt beigetragen, indem ich mich immer nur hier drinnen aufhielt und selten etwas kaufte? Aus einem retrospektiven schlechten Gewissen heraus mache ich einen Großeinkauf in der Markthalle. Während ich den Wagen zur Kasse schiebe, frage ich mich, ob es langsam angemessen wäre, sich zu verabschieden. Vielleicht sollten wir Warenhäuser als Inbegriff des 20. Jahrhunderts feiern und die Gebäude ganz anderen, neuen Zwecken zuführen. Wie lange lässt sich das unvermeidliche Ende denn noch hinauszögern?

Als ich an der Kasse ankomme, habe ich eine Handvoll Ideen gesammelt: einen Ort der Begegnung schaffen, Teile des Gebäudes in ein Museum verwandeln, das Karstadt-Restaurant als Ort für Nostalgiker erhalten. Doch dann schenkt mir die Kassiererin ein Stück Schokolade und ich bringe mein Plädoyer für einen Neuanfang nicht übers Herz. Vielleicht also ist es einfach an der Zeit, danke zu sagen. Danke, Karstadt, für viele schöne Stunden. Über die Stelle, wo es früher zur Musikabteilung ging und wo es jetzt nur dunkel ist, verlasse ich das Gebäude.